Casting ohne Demütigung, Häme und Selbstverleugnung

Wie die Oberschule Neuenkirchen Neuntklässler fit macht fürs Bewerbungsgespräch

Neuenkirchen. Deutschland ist gerade einmal nicht auf der Suche nach einem Superstar, einem Topmodel oder einem Star für den nächsten Eurovision-Song- Contest. Es ist Casting-freie Zeit. Nicht so ganz, denn in Neuenkirchen organisierte die Oberschule (OBS) jüngst ein  Auswahlverfahren: Aber nicht als Gag, sondern als Mittel, um Jugendliche fit zu machen fürs Bewerbungsgespräch. Die Schule suchte in der Klasse H9a die beiden Schüler, die beim Berufscasting den allerbesten Eindruck hinterließen. Mit Holger Reinermann und Marcel Moritz hat die OBS sie auch gefunden.
Gleich vorweg: Das Casting für die 16 Jugendlichen hat nichts gemein mit den abschreckenden Schauspielen im Fernsehen zur besten Sendezeit, in denen gelackte Schönlinge lispeln, talentlose Komiker mit krimineller Vergangenheit unbedingt ein Star werden wollen und sich von einer Jury bis zur   Selbstverleugnung demütigen lassen. In der Oberschule hatte das  Berufscasting einen pädagogischen Grund.
Der Übergang von der Schule ins Berufsleben ist mit vielen Entscheidungen verbunden. Der richtige Weg will gewählt und eigene Talente und Fähigkeiten wollen richtig eingeschätzt werden. In dieser wichtigen Lebensphase stehen die Lehrer der OBS Neuenkirchen ihren Schützlingen mit Rat und Tat zur  Seite, es geht um den bestmöglichen Einstieg in die Ausbildungszeit.
„Das Berufscasting ist ein weiterer Baustein für die Entscheidung über die  berufliche Zukunft“, sagt Adalbert Wegmann, Konrektor der Oberschule Neuenkirchen. Er hat das Projekt gemeinsam mit Cornelia Heimbrock und Schulsozialarbeiterin Karin Beyreuther entwickelt. Während ihrer Praktika hätten die Schüler einen Eindruck bekommen, ob eigene Stärken und  Fähigkeiten dem gewünschten Beruf gerecht werden. „Doch im Bewerbungsgespräch geht es auch um die Eigendarstellung und das  Sich-Verkaufen in eigener Sache“, begründet Wegmann das ungewöhnliche Training.
An diesem Vormittag also sitzen die 16 Jungen und Mädchen adrett gekleidet in ihrem Klassenzimmer. Schlabberlook ist out, Hemd und gute Hose in. Die  Ansage der Lehrer und Eltern war deutlich: Auch wenn das Bewerbungsgespräch nur fiktiven Charakter hat, so sollen die  Rahmenbedingungen wenigstens echt sein. Ein bisschen Nervosität inklusive. Echt sind auch die vier Firmenvertreter, die zu zweit in zwei zu Büros umfunktionierten Räumen an den Tischen sitzen. Christian Mertens (Firma Mertens) und Sascha Tietje (Hülsmann-Reisen) sowie Manfred Seelmeyer (Firma Bauxpert Seelmeyer) und Martin Wilke (Tischlerei Wilke) schlüpfen an diesem Tag in unterschiedliche Rollen. Den Umgang mit Auszubildenden kennen alle vier. Sie haben ein Gespür dafür und wissen, wie es in Vorstellungsgesprächen zugeht. Der Reiz an der Sache: „Wir müssen uns in viele Berufe hineindenken“, sagt Wilke. Er, der Tischler, muss in den Gesprächen nun gemeinsam mit Seelmeyer in die Rolle eines Pflegedienstleiters schlüpfen oder den Chef eines Malerbetriebes mimen. Echt sind auch die Berufswünsche der 16 Casting-Kandidaten. Nach und nach, mal mehr mal weniger sichtlich angespannt, betreten sie die Büros. Mit ihrer  Bewerbungsmappe unter dem Arm versuchen sie, sich in einem viertelstündigen Gespräch von ihrer besten Seite zu zeigen.
Da ist der 16-Jährige, der ziemlich genau weiß, was er will: zunächst den Realschulabschluss machen und hinterher eine Ausbildung zum   Kfz-Mechaniker beginnen. Viele Worte macht er nicht, formuliert aber klar und ohne Schnörkel, bringt mit wenigen Sätzen auf den Punkt, was ihn am gewünschten Ausbildungsberuf so fasziniert. „Er ist kein Mann großer Worte“, lächelt Christian Mertens hinterher, und Sascha Tietje stimmt zu. Dennoch: Der Schüler hat sich passabel verkauft, trat selbstbewusst auf, war höflich. Vier Kriterien bewerten die beiden Juroren, um ganz am Schluss zu entscheiden, wie hoch die Chance des Bewerbers auf die zu vergebende Stelle wäre.
Bewerberin Nummer zwei ist auch höflich. Doch warum gerade sie die  Pflegeassistentenstelle bekommen sollte, wird nicht sofort klar. Motiviert sei sie und verweist auf ihre vielen Praktika. „Ich bin nicht so der Schulmensch“, bekennt sie offen. Dafür aber könne sie planen und gut organisieren.
Der 15-Jährige, der sich bei Martin Wilke und Manfred Seelmeyer um die Stelle als Azubi im Malerhandwerk bewirbt, zeigt ebenfalls Interesse. Doch die beiden Chefs haken beharrlich nach: Ob ihm mehr das kreative Gestalten gefalle an diesem Beruf oder das reine Handwerk. Der Junge überlegt kurz: „Das Handwerkliche“, antwortet er. „Bist du sicher, dass du Maler werden willst?“, fragen die Chefs. Ja, antwortet der junge Bewerber, gibt aber zu, andere Ausbildungsberufe nicht ausprobiert zu haben.
In ihrem Beobachterbogen fassen die Firmenvertreter den Verlauf des Gespräches zusammen, bewerten Auftreten, Vorstellung, Kommunikation und Körpersprache. Dafür vergeben sie Noten von „nicht gezeigt“ über „Grundlagen gezeigt“ bis „stark ausgeprägt“. Holger Reinermann, der Landwirt werden will, und Marcel Moritz, den es zur Polizei zieht, beeindruckten die Firmenchefs am meisten.
Ein positives Fazit zieht hinterher auch die Oberschule: Das Berufscasting könnte vor einer Neuauflage stehen – jenseits von Häme und Ruhm, dafür aber mit der Aussicht, etwas Wichtiges fürs Leben gelernt zu haben.

Autor:Bersenbrücker Kreisblatt

zurück zur Übersicht