Zehntklässler der Haupt- und Realschule Neuenkirchen widmen sich im Fach Religion einem Tabuthema: Eine Übung für den Umgang mit dem Tod

Neuenkirchen. Der Tod kommt nahezu täglich frei Haus – in den Radio- und Fernsehnachrichten als unfassbare Schlagzeile über Katastrophen und Unglücksfälle. Oft als Tabuthema bezeichnet, gehört er doch längst zum Alltag. Aber es ist ein Unterschied, ob der Tod nun als Todesanzeige in der Zeitung steht oder als Ereignis in der eigenen Familie daherkommt. So oder so: Der Tod wirft viele Fragen auf.

Der Tod ist der Abschied vom Leben. Und Abschied muss man üben. So lautet der Refrain im gleichnamigen Lied des Komponisten und Sängers Heinz Rudolf Kunze. Als die Jungen und Mädchen der beiden zehnten Hauptschulklassen der Haupt- und Realschule Neuenkirchen gestern Mittag still dem Gesang lauschen, sind sie um eine Erkenntnis reicher: Der Tod ist ein Lebensthema und kein Tabu.
Zwei Stunden lang haben sie sich zuvor mit 15 Experten unterhalten, die beruflich mit Tod und Trauer zu tun haben. Pfarrer, Notfallseelsorger, Friedhofsgärtner, Bestatter, Rechtsanwalt und Retter stehen ihnen Rede und Antwort. Es sind intensive Begegnungen und Gespräche über ein Thema, das in der Alltagswelt kaum stattfindet. Aber immer dann, wenn der Tod ins Leben eingreift und von einer Minute zur nächsten nichts mehr so ist, wie es war, wirft der Tod Fragen auf, sorgt für Zweifel, Trauer, Hilfslosigkeit, ja manchmal sogar auch Wut.
Sensibel, unaufgeregt und ohne Berührungsängste nähern sich die Schüler dem Thema an diesem grauen Novembermorgen, wo Teelichter auf den Tischen etwas Licht spenden und den Tod irgendwie nicht mehr als langen schwarzen Tunnel erscheinen lassen.
Gespannt hören Nico und Dennis zu, als Pastor Frieder Marahrens über seine Arbeit als Notfallseelsorger berichtet. Über schwere Verkehrsunfälle, die nicht nur die Angehörigen des Toten aus der Bahn werfen, sondern auch die Retter. Anna Maria und Anastasia sitzen mit Trauerbegleiterin Tanja Wille vom Kinderhospiz Osnabrück zusammen. Sie erzählt, wie aus ehrenamtlichen Begleitern „professionelle Freunde“ werden, dass die Geschwister eines sterbenskranken Kindes ebenso der Aufmerksamkeit und der Fürsorge bedürfen und es für sie „auch glückliche Momente“ geben muss.
Der Tod eines Menschen ist aber auch ein bürokratischer Akt. Vorschriften und Gesetze regeln bis ins Kleinste, was zu tun ist. Bis wann der Bestatter den Leichnam abzuholen hat. Was zu tun ist in einem Fall, in dem sich Angehörige die Beerdigung eines Verwandten mangels Geld nicht leisten können. Marcus und Lucija schreiben mit, als ihnen Standesbeamter Dieter Westermann aus dem Personenstandsgesetz die Paragrafen zitiert, die nötig sind, „um einen Sterbefall zu beurkunden“. So heißt das in bestem Amtsdeutsch.
„So stelle ich mir Schule vor“, sagt Schulleiter Ernst-August Schulterobben, als Schüler, Lehrer und Gäste im Stuhlkreis zusammenkommen und ein kurzes Fazit ziehen. Wichtig sei, dem Thema Tod im Unterricht die Zeit zu geben. „Wenn nicht hier, wann dann?“
„Abschied muss man üben. Sonst fällt er viel zu schwer“, singt Kunze zum Schluss. Der heutige Unterrichtstag war für die Zehntklässer also ein Übungstag mit einer ersten Erkenntnis: Tod und Leben sind kein Gegensatz.

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